
Kaum eine wissenschaftlich fundierte Theorie hat die Menschen unseres westlichen Kulturraums so in Aufregung versetzt wie die Evolutionstheorie von Charles Darwin. Bis heute halten die kontroversen Debatten an. Christian Salvesen gibt Einblick in das Leben und Werk des großen Naturforschers – und zeigt Missverständnisse auf.
Ein großer Forscher
Studium
Charles Robert Darwin wird am 12. Februar 1809 in Shrewsbury, England, als fünftes von sechs Kindern des Arztes Robert Darwin und der Fabrikantentochter Susannah Wedgwood geboren. Als Charles acht Jahre ist, stirbt die Mutter und seine älteren Schwestern übernehmen die Erziehung. Schon früh sammelt der Junge Mineralien und Muscheln, er liebt die Natur, die übliche Bildung in Sprachen und Kultur interessiert ihn weniger. 1825 beginnt er ein Medizinstudium in Edinburgh, wo er sich vor allem zur genauen naturwissenschaftlichen Beobachtung und Beschreibung anregen lässt. 1827 schreibt er sich auf Anregung seines Vaters am Christ’s College an der Universität Cambridge für ein Theologiestudium ein, das er 1831 auch als einer der Besten abschließt. Wichtiger als das Studium sind ihm aber Exkursionen mit bedeutenden Entomologen (Insektenforschern) in Whales, wo er seltene Käfer sammelt und untersucht. Auch begeistern ihn die Botanikvorlesungen von John Stevens Henslow, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden wird. Henslow ermöglicht Darwin die entscheidende Reise seines Lebens, nämlich die Fahrt auf der „Beagle“ (1831-1836), wo er auf den verschiedenen Reisestationen Hinweise findet, die seine spätere Theorie von der Entwicklung der Arten belegen.
Zwar skizziert er einige der Grundgedanken schon ab 1837 in Notizbüchern (Notebooks on Transmutation), doch bis zur Veröffentlichung seines berühmten Hauptwerks „Die Entstehung der Arten“ vergehen noch über 20 Jahre. Darwin wohnt zunächst in London. Bekannte Wissenschaftler wie Charles Lyell und Thomas Huxley werden zu lebenslangen Freunden. Er gewinnt wissenschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung, nicht zuletzt durch seine „Zoologischen Reiseberichte von der Beagle“ und etliche geologische Fachbücher (u.a. über Korallenriffe und Vulkane), die allerdings noch keine radikal neuen Ideen enthalten.
Familie und Erfolg
Am 29. Januar 1839 heiratet Darwin seine Cousine Emma Wedgwood (1808–1896). In der Londoner Zeit kommen die Kinder William, Anne und Mary Eleanor zur Welt. An William studiert Darwin die Ausdrucksformen des Säuglings, Studien, die er später veröffentlicht. Ab 1842 zieht sich die Familie in die kleine Ortschaft Down südlich von London zurück. Darwin ist gesundheitlich angeschlagen und erholt sich in Kuren. Er wird Vater noch weiterer sieben Kinder. Immer wieder arbeitet er an jenem Grundgedanken, der ihn schließlich so berühmt machen wird. Seine Wissenschaftler-Freunde drängen zur Veröffentlichung, denn andere Forscher wie etwa Alfred Russel Wallace bringen in ihren Aufsätzen ähnliche Ideen in Umlauf. Darwin kürzt ein groß angelegtes Manuskript über die natürliche Selektion und im November 1859 erscheint sein Hauptwerk unter dem Originaltitel: “On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or The Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life“ (was ein Jahr später in Deutsch unter „Die Entstehung der Arten“ veröffentlicht wird).
Das Werk wird mit großem Interesse und viel Beifall aufgenommen. Starke Kritik kommt vor allem von der Anglikanischen Kirche, obwohl auch hier jüngere Theologen Darwin zustimmen. Die Debatten halten bis heute an. Darwin selbst hält sich zurück, vermeidet öffentliche Auftritte und widmet sich weiter seiner Arbeit. Er publiziert Bücher über Fleisch fressende Pflanzen, über die Funktion der Sexualität in der Entwicklung des Menschen, über das emotionale Verhalten von Tieren und Menschen und über die evolutionäre Entwicklung des Gehirns. Er stirbt am 19. April 1882 im Alter von 73 Jahren in Down und erhält am 26. April ein Staatsbegräbnis und ein Grab in der Westminster Abbey.
Die Weltreise auf der Beagle
Die Reise von Charles Darwin auf dem Segelschiff „Beagle“ unter Kapitän Fitzroy ist legendär und wurde mehrmals verfilmt. Die „Beagle“ (Der Name bezieht sich auf die heute noch traditionell von der Queen bevorzugte Hunderasse), ein Dreimaster, königliches Forschungs- und Vermessungsschiff mit 10 Kanonen, verlässt am 27.12.1831 Devonport, um die südamerikanischen Küsten und einige Pazifikinseln zu vermessen. Auf seinem ersten Landgang auf den Kapverdischen Inseln bestätigt Darwin an fossilen Muschelablagerungen in den Klippen Charles Lyells Theorie, dass sich die Erde allmählich geologisch geformt habe. In der Bibel, die damals allgemein für wörtlich wahr gehalten wird, ist zwar von verschiedenen Tagen der Schöpfung die Rede, nicht aber von einer allmählichen Entwicklung über Jahrmillionen von Jahren. Und genau dies wird Darwin auf seiner Forschungsreise immer wieder entdecken: Das Leben hat sich entwickelt, es ist nicht von Anfang an festgelegt, etwa in bestimmte, unveränderliche Arten (Spezies) von Pflanzen und Tieren. Fossilien belegen: Manche Arten (wie die von Darwin in Südamerika als Knochen entdeckten Riesenfaultiere) sind ausgestorben. Nicht nur einzelne Wesen, sondern auch Arten entstehen und vergehen.
Während die Beagle 1832-35 die südamerikanische Ost- und Westküste vermisst, erkundet Darwin monatelang das Landesinnere und schickt seine geologischen und zoologischen Funde an Henslow in London. Mehrere Andenexpeditionen bestätigen, dass sich die Erde in Jahrmillionen erheblich verändert hat. Davon zeugen u.a. Meeresfossilien weit ab von der Küste hoch in den Bergen. Am 18. September 1835 betritt Darwin zum ersten Mal eine der zahlreichen Galapagos-Inseln. Während der einmonatigen Vermessungsarbeiten sammelt er Tier- und Pflanzenproben. Die eigentliche Bedeutung des abgelegenen Archipels – nämlich dass sich hier ganz eigene (endemische) Arten wie die „Darwin-Finken“ entwickeln konnten – erkennt er allerdings erst später, nicht zuletzt durch Beiträge anderer Forscher. Die Beagle durchquert den Pazifik, erreicht Neuseeland und Australien, segelt weiter über Mauritius, Madagaskar und Kapstadt, kehrt noch einmal zurück an die Ostküste Südamerikas, um Messdaten zu korrigieren und nimmt schließlich Kurs auf England.
Während der Rückreise ordnet Darwin seine Notizen und erstellt mit Unterstützung seines Gehilfen Syms Covington insgesamt zwölf Kataloge seiner Sammlungen. Seine zoologischen Notizen umfassen 368, die geologischen 1383 Seiten. Zusätzlich hat er 770 Seiten seines Reisetagebuchs beschrieben. 1529 in Spiritus konservierte Arten sowie 3907 Häute, Felle, Knochen, Pflanzen etc. sind das Ergebnis seiner fast fünfjährigen Reise. Rückblickend resümiert Darwin in seiner Autobiographie: „Die Reise mit der Beagle war das bei weitem bedeutendste Ereignis in meinem Leben und hat meinen gesamten Werdegang bestimmt.“ (Quelle: www.Wikipedia.de)
Die Evolutionstheorie
Charles Darwin hat ein fest gefügtes Weltbild aus den Angeln gehoben, vergleichbar der revolutionären Erkenntnis des Astronomen Kopernikus, dass sich die Erde nicht im Mittelpunkt des Kosmos befindet, sondern als Planet um die Sonne kreist. Schockierend war für die gläubigen Menschen damals (wie heute) die Vorstellung, dass der Mensch vom Affen abstammen soll. Darwin schrieb zwar nur, dass Mensch und Affe einen gemeinsamen Vorfahren hätten, was wissenschaftlich längst anerkannt ist. Die bekannte Karikatur des Affen mit dem Kopf von Darwin ist jedoch bis heute ein einprägsames Symbol, das gerne von fundamentalistischen Christen verwendet wird. Jede Einordnung des Menschen in einen tierischen Stammbaum würde seine einzigartige Stellung unterminieren. Er wäre damit nicht mehr das einmalige Wesen, das Gott nach seinem Ebenbild erschuf, um als höchstes Geschöpf über die Natur zu herrschen, sondern nur ein Glied in einer Entwicklung mit unbestimmtem Ausgang.
Und vor allem: Der ehemalige Theologe Darwin erwähnt Gott in seiner Theorie nirgendwo. Das Leben wird anscheinend von keinem Höheren Wesen gelenkt, sondern regelt sich gleichsam von selbst. Doch wie? Sind es die Stärksten, die sich durchsetzen? Was bedeutet das für uns Menschen? Die Idee der Evolution ist zu jener Zeit in der Philosophie zwar nicht ganz neu. Gerade erst hatte Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831) ein umfassendes System der Entwicklung des Geistes verbreitet. Doch es setzt ein göttliches Prinzip, einen absoluten Geist voraus, der auf dialektischem Weg zu sich selbst kommt. Darwins Evolutionstheorie ist in der Absicht konkreter und irdischer, naturwissenschaftlich an Fakten orientiert. Und doch lässt sie Spielraum für ideologische Spekulationen und Auseinandersetzungen, die er wohl nicht einmal in Albträumen erahnte.
Darwin wollte ja nur ganz redlich die geologische und biologische Geschichte auf der Erde erforschen und darstellen. Er wollte zu keinerlei Ideologie anregen. Doch unglücklicherweise kam es dazu, dass Macht fixierte Ideologen und Politiker einen bestimmten Aspekt seiner Theorie für ihre Zwecke nutzten, nämlich dass es ein Naturgesetz sei, dass sich nur der Stärkste und Beste durchsetze: Wir (unter Hitler die Arier) sind die beste Rasse und haben das Recht, alle anderen zu beherrschen. Und wir demonstrieren das in einem unerbittlichen Krieg, wie er ja auch ständig in der Natur stattfindet!
Bedeutung heute
Darwins Erkenntnisse sind klar und einfach, wenn sie so verstanden werden, wie er sie gemeint hat. Das Leben auf dieser Erde hat sich entwickelt und wird sich vermutlich weiter entwickeln. Es ist flexibel und passt sich den gegebenen Bedingungen an. Ob darin eine innere Intelligenz (Bewusstsein, Gott) verborgen ist, bleibt vorerst unbewiesen, offen. Eine Ideologie der Macht – der Stärkere hat Recht- lässt sich daraus nicht ableiten. Alle Formen des Sozialdarwinismus, wo – wie im Nationalsozialismus - ein Recht des Stärkeren für eine menschliche Gemeinschaft in Anspruch genommen wird – sind kritisch zu durchleuchten. Darwin selbst hat derartige Gedanken nie geäußert. Er war übrigens ein erklärter Gegner der seinerzeit noch gängigen Sklaverei.
Der Begriff der Evolution ist ungemein komplex und auch heute noch sehr missverständlich. Eine wachsende Gemeinde christlicher Fundamentalisten in den USA widerspricht Darwin und erklärt den biblischen Schöpfungsmythos, wonach Gott die Erde und die Menschen vor ca. 6000 Jahren erschaffen haben soll, für die einzig richtige Deutung. Immer mehr Schulen, sogar in Deutschland, folgen diesem Konzept. Ich selbst kann keinen Widerspruch zwischen Darwins Evolutionstheorie und der Allmacht Gottes sehen. Warum sollte Gott nicht fähig sein, ein sich ständig weiter entwickelndes Universum zu schaffen und zu erhalten?
Doch über diese spezielle „traditionell biblische“ Auseinandersetzung hinaus gibt es eine eigentlich viel interessantere und wichtigere wissenschaftliche und spirituelle um Darwins Erkenntnisse. Die Fragen lauten hier: Ist tatsächlich Kampf (struggle) das Überlebensprinzip oder nicht vielmehr Zusammenarbeit und Teamgeist? Der Biologe Rupert Sheldrake bringt sogar den Begriff „Liebe“ ins Spiel. Etliche aktuelle Forschungen zeigen, dass gerade die Zusammenarbeit von Tieren, sogar ganz unterschiedlicher Spezies, das Überleben sichern. An der Grundannahme Darwins, dass die Arten entstehen, sich verändern und vergehen, ändert sich dadurch nichts. Nur ein Punkt wird relativiert, und der war bei Darwin nicht ausschlaggebend: Es muss nicht immer Kampf und körperliche Überlegenheit sein, was die Evolution antreibt. Teamarbeit und Gemeinschaft könnten letztlich stärker sein.
Autor: Christian Salvesen
Erstveröffentlichung: Visionen 02/09
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